Diabetes und Parodontitis

//Diabetes und Parodontitis

Diabetes und Parodontitis

Parodontalerkrankungen haben erwiesene Wechselwirkungen mit folgenden sytemischen Erkrankungen.

Parodontitis steht in Zusammenhang mit:

Diabetes mellitus

Adipositas

Kardiovaskuläre Erkrankungen/erektile Dysfunktion

Rheumatoide Arthritis

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Osteoporose

Neurodegenerative Erkrankungen

Chronische Nierenerkrankungen

Pneumonien/COPD

Metabolisches Syndrom

Frühgeburtlichkeit

Es gibt eine hohe Prävalenz der „schweren“ Parodontitis in Deutschland und weltweit.

(Die Prävalenz  ist eine Kennzahl der Epidemiologie für die Krankheitshäufigkeit. Sie sagt aus, welcher Anteil der Menschen einer bestimmten Gruppe (Population) definierter Größe zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Krankheit erkrankt ist oder einen Risikofaktor aufweist)

Parodontitis -Prävalenz in Deutschland beträgt laut der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie im Jahr 2016 ca. 3,5 -5,5 Millionen.

Auf der Welt sind ca. 743 Millionen Menschen von Parodontitis betroffen. (Kassebaumet al., 2014 und Marceneset al., 2013)

Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparats, die durch Knochen-, Kollagen- und Attachmentverlust gekennzeichnet ist. Die Parodontitis wird verursacht durch parodontalpathogene Mikroorganismen sowie deren Bestandteile und Produkte im subgingivalen Biofilm. In der Mundhöhle kommen mehrere Hundert unterschiedliche Bakterienspezies vor, von denen aber nur wenige als Ursache für eine Parodontitis diskutiert werden. Die Bakterien auf der Zahnoberfläche befinden sich in einem hoch organisierten Biofilm, der sowohl vor antimikrobiellen Substanzen als auch vor Phagozytose durch wirtseigene Abwehrzellen schützt und einen genetischen Austausch zwischen den Mikroorganismen ermöglicht [Marsh, 2005]. Zunächst siedeln sich am Pellikel des Zahnes orale Streptokokken an, wobei sodann Aktinomyzeten und Veillonellen folgen. Alle diese Bakterienarten zählen zu den frühen Besiedlern der Plaque, wohingegen P. gingivalis, Treponemen und Aggregatibacter actinomycetemcomitans zu den Spätbesiedlern gehören. Fusobacterium nucleatum spielt als „Brücken“keim zwischen den frühen und späten Plaquebesiedlern eine wichtige Rolle [Kolenbrander und London, 1993]. Socransky und Mitarbeiter [Socransky et al., 1998] fassten die jeweils in einem engen Zusammenhang stehenden Bakterien zu sechs Komplexen, die entsprechend ihrer Pathogenität farblich unterschiedlich kodiert wurden, zusammen. Dabei zählen die Bakterien des blauen (Aktinomyzeten), des gelben (Streptokokken)und des violettfarbenen Komplexes zu den frühen Besiedlern. Im orangefarbenen Komplex sind dagegen die „Brücken“ spezies zusammengefasst. Zu diesem Komplex zählen neben Fusobacterium nucleatum auch Campylobacter rectus, Eubacterium nodatum, Parvimonas micra und Prevotella intermedia. Der rote Komplex umfasst die mit einer Parodontitis stark assoziierten Bakterien Porphyromonas gingivalis, Tannerella forsythia und Treponema denticola. Daneben existiert ein grüner Komplex, der Aggregatibacter actinomycetemcomitans einschließt. Parodontalpathogene Mikroorganismen können die Entstehung und Progression einer Parodontitis induzieren, indem sie die Wirtsabwehr zum Teil umgehen, unterdrücken, fehlleiten oder aber vor allem eine überschießende Wirtsantwort hervorrufen. Pathogene Mikroorganismen sind eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für die Entstehung und Progression einer Parodontitis. Bei der Parodontitis handelt es sich vielmehr um eine komplexe Erkrankung, für die zusätzlich zu den pathogenen Mikroorganismen weitere Risikofaktoren wie zum Beispiel Rauchen, genetische Disposition, systemische Erkrankungen und psychischer Stress verantwortlich sind.

Obwohl das Ziel der Wirtsabwehr darin besteht, die parodontale Infektion zu eliminieren, kann sie selbst zur parodontalen Destruktion beitragen. Der für die Abwehrzellen benötigte Platz wird durch den Knochen-, Kollagen- und Attachmentabbau bereitgestellt. Wird in diesen Prozess nicht therapeutisch eingegriffen, kann die Zerstörung des Parodonts voranschreiten und  zum Zahnverlust führen. Dem gilt es vor allem auch mit neuen präventiven, diagnostischen und therapeutischen Verfahren erfolgreich zu begegnen, wobei hierfür die weitere Erforschung der komplexen pathogenetischen Zusammenhänge unentbehrlich ist. (Prof. Dr. James Deschner, zm online)

Bei Rauchern wurde eine erhöhte Anzahl von Mikroorganismen des orangen und roten Komplexes in parodontalen Taschen gefunden.

Raucher haben

• tiefere Zahnfleischtaschen

• höherer Knochenverlust

• höherer Zahnverlust

• schlechtere Therapieantwort bei der Parodontitistherapie 

Parodontitis bei Diabetiker

• erhöhte Prävalenz

• erhöhte Inzidenz

• erhöhter Schweregrad

• beschleunigte Progression

Anteil der Vererbung an der Entstehung von Parodontitiden beträgt bis ca. 25-30 %

Parodontaler Screening Index (PSI)

Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (www.dgparo.de)

PSI O + 1 + 2 = parodontal gesund bzw. Gingivitis
Die Prophylaxe/Präventive oder eine Langzeitbetreuung sind notwendig

PSI 3 + 4 = Parodontitis : Parodontitistherapie ist notwendig

Diabetes mellitus ist bezeichnet durch:

• Regulationsstörung des Stoffwechsels, deren Leitbefund die chronische Hyperglykämie darstellt
• Hyperglykämie durch
• gestörte Insulinsekretion und/oder
• Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung bei normaler Insulinmenge)

Die Prävalenz der Diabetes in Deutschland in der Altersgruppe der 20-79-jährigen Erwachsenen betrug im Jahr 2013, 7,6 Millionen.

Im Jahr 2035 wird diese Population auf  8,1 Millionen geschätzt.

Weltweit in der Altersgruppe der 20-79-jährigen Erwachsenen betrug Diabetes im Jahr 2013, 382 Millionen.
Im Jahr 2035 werden  592 Millionen Diabetes Erkrankte erwartet.

Die Folgekrankheiten von Diabetes in unserem Körper sind:

Mikroangiopathien
• Retino- und Makulopathie
• Neuropathie
• Nephropathie

Makroangiopathien
• koronare Herzerkrankung
• zerebrovaskuläre Erkrankungen
• periphere arterielle Verschlusskrankheit

Zusammenhang zwischen Diabetes und Parodontalkrankheiten:

• Parodontalzustand von gut eingestellten Diabetikern ähnlich dem von Nichtdiabetikern Korrelation mit Blutzuckereinstellung
• höheres Risiko für Parodontitis bei schlecht eingestelltem Diabetes

Moleküle, die von Adipozyten freigesetzt werden (z.B. Leptin, Visfatin, Resistin und Adiponektin) regulieren Insulinresistenz, aber auch die Entzündungsprozesse

Nach der erfolgreichen Parodontaltherapie konnten die Blutzuckerwerte (Senkung des HbA1c-Wertes)  durch Parodontitistherapie nach Janket et al., 2005 um ca. 0,4 Prozentpunkte nach Parodontitistherapie ohne Antibiotikum festgestellt werden.

• Prävalenz, Inzidenz und Schweregrad der Parodontitis ist bei Diabetes erhöht
• Progression der Parodontitis wird bei Diabetes beschleunigt
• erhöhtes Risiko für Parodontitis ist abhängig von der glykämischen Einstellung
• erfolgreiche Parodontitistherapie ist auch bei Diabetes möglich
• Verbesserung der glykämischen Einstellung ist durch Parodontitistherapie möglich
• Prävention und Therapie von Parodontitiden sind integraler Bestandteil des Diabetesmanagements
• optimale Einstellung der Blutzuckerwerte ist integraler Bestandteil des Managements von Parodontitiden

Was kann der Hausarzt für die Mundgesundheit seiner Patienten tun?

Diabetes mellitus und Parodontitis sind Erkrankungen, die eng aneinander verbunden sind. Die optimale Behandlung erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Hausarzt und Zahnarzt sowie eine gute Zusammenarbeit mit dem Patienten.

Jeder Diabetiker sollte zum Zahnarzt überwiesen werden, der in der Parodontologie und Betreuung der Diabetes Patienten versiert ist.

Diabetespatienten sollten bei Routineuntersuchungen nach Parodontalerkrankungen befragt, über Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung aufgeklärt und an die jährliche zahnärztliche Untersuchung erinnert werden.

Bei leicht erkennbaren Symptomen wie Mundgeruch oder Zahnfleischbluten ist eine Überweisung zum Zahnarzt erforderlich. Werden gelockerte Zähne, Zahnwanderungen oder eitrige Zahnfleischentzündungen beobachtet, so sollte schnell ein Zahnarzt aufgesucht werden. Der Zahnarzt sollte den Verdacht auf Parodontitis abklären und die notwendige Behandlung durchführen, damit die Diabetestherapie erfolgreicher wird.

Was kann der Zahnarzt für die Allgemeingesundheit seiner Patienten tun?

Diabetiker müssen mit ihrem erhöhten parodontalen Erkrankungsrisiko besonders über die Bedeutung der täglichen häuslichen Mundhygiene wie auch über die notwendige lebenslange Betreuung durch ihren Zahnarzt aufgeklärt werden. Neben dem täglichen Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta gehört die regelmäßige Anwendung von Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten zum Pflichtprogramm der Diabetiker-Zahnpflege.

Auch Patienten, die sich ohne Diagnose, aber mit offensichtlichen Risikofaktoren für einen Typ-2-Diabetes (Übergewicht, Bluthochdruck, Diabeteserkrankungen in der Familie) und Zeichen einer Parodontitis beim Zahnarzt vorstellen, sollten über ein Diabetesrisiko informiert werden.

Aufklärungsbroschüre der Bundeszahnärztekammer für Diabetiker: Diabetes und Parodontitis

2017-09-11T10:58:54+00:00